15.05.2014

Sucker Punch und das Dilemma der Fehlinterpretation


Sucker Punch ist ein Action/Fantasy Film aus dem Jahr 2011. Produzent, Drehbuchautor und Regisseur des Films ist Zack Snyder, welcher speziell für seine Comicverfilmungen von Frank Millers 300 und Alan Moores Watchmen bekannt wurde. Auch für das 2004 erschienene, überraschend gute Remake von Dawn of the Dead war Snyder verantwortlich. Sein letzter Film war Man of Steel, für den er zur Zeit auch die Fortsetzung Batman vs. Superman dreht. Ihr habt sicherlich das Bild des neuen Batman gesehen, das Internet ist schließlich voll davon. Sucker Punch hingegen basiert auf einer völlig eigenen Idee des Amerikaners. Das war jedoch auch sein erster Film, der bei Kritikern und Fans eher negativ aufgenommen wurde. Heute will ich jedoch eine Lanze für Sucker Punch brechen, da ich die Vermutung habe, dass die eigentliche Aussage des Films von vielen Zuschauern missverstanden und möglicherweise deswegen schlechter bewertet wurde.

Nur um das klar zu stellen: ich möchte niemandes Meinung über den Film ändern, oder gar als "falsch" deklarieren. Ich stelle hier lediglich meine persönliche Interpretation zur Diskussion, die weder besser noch schlechter als die von jedem anderen Leser ist.

Gut, jetzt da das aus dem Weg ist gibt es vorher eigentlich nur noch eine Kleinigkeit zu klären. Ein "Sucker Punch" bedeutet, dass du "aus dem Nichts" eine geklatscht bekommen hast, ohne dass du den Schlag hast kommen sehen. Behaltet das im Hinterkopf, dass ist gleich noch wichtig.

Sucker Punch ist ein Film, der von vielen Zuschauern regelmäßig fehlinterpretiert wird. Das passiert nicht selten, vor allem bei Filmen die einen gewissen intellektuellen Anspruch an Zuschauer stellen, der möglicherweise einfach nicht erwartet wurde. Hier kommt mir direkt Paul Verhoevens Meisterwerk Starship Troopers in den Sinn. Ein Film welcher, im Jahr als er in die Kinos kam, von vielen Kritikern als faschistischer Pro-Kriegs Film bezeichnet wurde, obwohl man es in Wirklichkeit mit dem genauen Gegenteil, nämlich eine ganz offensichtliche Satire eben solcher Filme, zu tun hatte. Dass hier alle 5 Minuten "Tritt der Armee bei!" gerufen wird, war eine überspitzte Darstellung, also eine Parodie der Realität. Die Tatsache, dass viele Menschen genau so eine offensichtliche Satire nicht erkennen, obwohl der Film es einem quasi vorbuchstabiert, ist also nichts Neues. Speziell wenn besagte Filme nicht dem Comedy-Genre entspringen und deswegen nicht so viele offensichtliche Witze über die Thematik machen. So erlag leider auch Sucker Punch dem Problem, von einigen Zuschauern als misogyne Männerphantasie interpretiert zu werden. Da allerdings auch hier das exakte Gegenteil (Misogynie beschreibt den Hass auf Frauen - in diesem Film geht es aber viel mehr um den Hass auf Männer!) rüber gebracht werden soll, stellt natürlich die Frage auf, warum das so vielen Leuten entgangen ist? Meine Antwort: wir schauen nicht mehr genau hin.

Im Film selbst geht es um ein Mädchen namens Babydoll, gespielt von Emily Browning (welche auch viele der Songs auf dem großartigen Soundtrack singt), die von ihrem bösen Stiefvater in eine Heilanstalt eingewiesen wurde um ein von ihm begangenes Verbrechen zu vertuschen und Babydolls Erbe für sich selbst einzustreichen. Dort entflieht sie der Hölle ihrer Realität indem sie sich in eine Phantasiewelt flüchtet, die aus der Heilanstalt ein Bordell, aus ihrem Pfleger den Bordellbesitzer (gespielt von Oscar Isaac, dem neuen Star Wars Episode VII Star) und ihren Mitpatienten andere Tänzerinnen macht. Mit eben diesen Mitpatientinnen plant Babydoll schnell einen Ausbruch, da sie in wenigen Tagen einer Lobotomie unterzogen werden soll (in der Bordellphantasiewelt übersetzt kommt in wenigen Tagen jemand der viel Geld für ihre Jungfräulichkeit hingelegt hat). Der Plan beinhaltet einige Gegenstände, die von den Mädchen geklaut werden müssen, um den Weg aus ihrem Gefängnis bestehen zu können. Diese Dinge (Lageplan, Schlüssel, Feuerzeug, Messer, etc.) werden von Babydolls Gefährtinnen eingesammelt, während Babydoll alle mit ihrem Tanz ablenkt. Den Zuschauern wird durch Aussagen von anderen Figuren im Film nahe gebracht, dass Babydolls Tanz ein extrem roher, hoch sexueller Tanz ist, der alle gaffenden Männer quasi hypnotisiert. Das sehen wir jedoch nie, denn in dem Moment wenn Babydolls Tänze anfangen, werden wir erneut in eine tiefere Schicht ihrer Phantasie gezogen. Das sind dann die Actionszenen, die man auch schon aus den Trailern kannte. Diese Actionszenen sind also visuelle Metaphern für Babydolls Tanz. Doch welche Form nehmen diese Metaphern an? Richtig. Sie sind typische Nachempfindungen beliebter Geek-Genres wie Fantasy, Sci-Fi und Animes, in welche nicht selten hübsche Frauen in wenig Kleidung rein geschmissen werden um bestimmte Männerphantasien zu bedienen.

Doch der Film geht noch einen Schritt weiter. Denn wenn Babydolls Striptease das Equivalent von Nerdphantasien darstellt... dann sind die Nerds, die sich dieses Zeug anschauen automatisch die, die sich von Babydolls Tanz hypnotisieren lassen. Das ist nicht nur Kritik am Genre des eigenen Films, sondern auch an seiner Zielgruppe! Denn immer wenn von der Phantasie zurück in die Realitätsebene geschaltet wird, um zu zeigen wer das ist, der sabbernd vor Babydoll sitzt, sehen wir ausschließlich furchtbare, ekelige, schleimige, Männer, die ganz klar als schweinische, böse Monster zu identifizieren sind. Also denkt mal drüber nach, was der Film uns damit sagen will. Das komplette Marketing des Films (also das was sie vorab gezeigt haben um uns zu überzeugen ins Kino zu gehen) bestand fast ausschließlich aus den Actionsequenzen, die allesamt sehr speziell an Leute gerichtet waren, die Mädchen in Schulmädchenoutfits sehen wollen, die Maschinengewehre und Samuraischwerter benutzen um Leute zu Schaschlik zu machen. Der Film spricht hier direkt uns Zuschauer an und sagt: Hey du, der gekommen ist um die Mädchen anzugaffen. DAS ist was wir von dir denken! BÄM. Das war ein Sucker Punch ;)


Doch da ist mehr. Sucker Puch nutzt 3 Schichten von "Realitäten" um seine Geschichte zu erzählen. Die Anstalt-Realität, die Bordell-Realität und Phantasie-Realität. Die erstgenannte scheint offenbar die tatsächliche Welt zu repräsentieren. Doch hier ist der Clou: denn wenn der Film in dieser Realität startet, tut er dies mittels eines sich öffnenden Vorhangs! In der Filmsprache sind Übergänge mit Vorhängen, Buchseiten oder Fernsehbildschirme oftmals als Indikator gemeint, um zu zeigen dass das was folgt nicht zwingend Real im konventionellen Sinne ist. Also obwohl die Anstalt-Realität offenbar die wahre Geschichte erzählt, ist es nicht zwangsläufig die ECHTE Story. Behaltet auch dies kurz im Hinterkopf.

Obwohl Babydoll unsere Hauptfigur im Film ist, gibt es noch andere wichtige Nebenfiguren, welche sich in der gleichen Situation wie Babydoll wieder finden. Eine der anderen sehr wichtigen Figuren ist Sweet Pea, gespielt von Abby Cornish (Robocop Reboot). Die sehen wir zum ersten Mal im Film, wenn sie als Art Theateraufführung auf einem Stuhl sitzt um gerade eine Lobotomie an sich durchführen zu lassen. Doch es ist nicht Babydoll, sondern eben Sweet Pea, die hier, sogar stark wie Babydoll verkleidet, im Stuhl sitzt. Sweet Pea ist in vielerlei Hinsicht anders als die restlichen Mädchen und das genaue Gegenteil von Babydoll. Sie ist meist deutlich mehr bekleidet während der Action-Sequenzen, spricht mit einer tieferen Stimme und ist dank Abby Cornishes hochgewachsenem Körper oft von der Kameraeinstellung "ÜBER" den anderen Mädchen positioniert. Sie ist die Erwachsene in der Gruppe. Ganz klar das Gegenteil von Babydoll, die nicht zuletzt auch wegen ihrem Namen klar als die kindlichste der Truppe zu identifizieren ist. Bei dem Gespräch, in dem Sweet Pea Kritik an Babydolls wilden, sexuellen Tanz ausübt, unterstreicht sie, dass ihr eigener sehr viel subtiler und persönlicher sei.

Dann ist da natürlich noch die Actionsequenz, in der Babydoll das Feuer eines Drachens klauen musste. Hier wird deutlich weniger subtil dargestellt, wie Babydoll eine traditionell weibliche Geschlechterrolle (Mutterschaft, Fürsorge für das eigene Baby, etc.) brutal von sich stößt, als sie ein neu geborenes Drachenbaby und dessen Mutter mit einem Katana umbringt, welches sie dabei in... sagen wir mal.. "phallischer" Pose festhält. Und denkt bloß nicht, dass wäre lediglich ein Zufall gewesen. So eine Einstellung geschieht nicht ohne Hintergedanken:



Das wichtigste an dem ganzen "wir-lenken-alle-mit-Babydools-Striptease-ab"-Plan? Er scheitert. Der eingeschlagene Weg funktioniert nicht. Die Mädchen werden eine nach der anderen umgebracht und Babydoll wird am Ende doch einer Lobotomie unterzogen. Und das einzige Mädchen, was tatsächlich fliehen kann, ist Sweet Pea! Die Figur, die den Zuschauern die ganze Zeit über als Störenfried untergejubelt wurde. BÄM. Ein weiterer Sucker Punch! 

Denn Babydoll erkennt beim Ausbruch, dass es nicht "ihre" Story war. Könnte das bedeuten, dass man uns hier sagen wollte, dass die Art und Weise wie Sweet Pea mit ihrem Körper und ihrer Umwelt umgegangen ist ein besserer (erfolgreicherer) Weg zum Ziel (im Sinne des unterschwelligen Feminismus wäre dass ja ultimativ die Gleichberechtigung) ist, als der von Babydoll, die ihren Körper ganz offensichtlich benutzt hat um ihre eigenen Ziele zu erreichen? Höchstwahrscheinlich. Könnte das der Grund sein, warum die Person die uns die Geschichte die ganze Zeit erzählt hat, tatsächlich Sweet Pea war? Die "Realität" die man uns zeigte, zwar "wahr" aber nicht "echt" war, da wir sie aus einer anderen Perspektive sahen? Das zu interpretieren wird wohl für immer jedem Zuschauer selbst überlassen sein.   

Kommentare:

  1. Florian Günther1. Januar 2015 um 14:43

    Sehr schöner Beitrag um das Verständnis zum Film zu erweitern. Ich freue mich immer sehr über solche Anregungen.
    Was mir noch vor allem bei den Kampfsequenzen auffiel ist, dass die Kämpferinnen superprofessionell agieren. Sie sind nicht nur einfach überlegen, sondern bringen dieses Auftreten sehr glaubhaft rüber (trotz knapper Bekleidung). Angefangen bei der korrekten Handhabung der Waffen, taktischen Kommunikation und, im Fall von Amber, der richtigen Uniform(teile). Diese Detailverliebtheit trägt meiner Meinung zur hohen Qualität des Films bei. Solch große Genauigkeit ist selbst in typischen Actionfilmen (z.B. Expendables) selten zu finden.

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